Häufige Fehlstellungen bei Kindern (1): Der offene Biss

Viele Kinder haben mit unentdeckten Zahnfehlstellungen oder Kieferfehlentwicklungen zu kämpfen. Die Eltern oder der Zahnarzt oder Kinderarzt bemerken die Beeinträchtigung oder Fehlstellung vielleicht nicht direkt oder das Kind sagt nicht, dass es beispielsweise nur schwer abbeißen kann, weil es schon immer so war und es nicht weiß, wie es anders sein könnte. Daher ist es ratsam, bereits im frühen Grundschulalter einen Kieferorthopäden aufzusuchen. Das geht übrigens auch ohne Überweisung. Der Kieferorthopäde kann genau feststellen, ob eine Fehlfunktion vorliegt, die einer Behandlung bedarf. Je früher eine Behandlung von Fehlstellungen beginnt, desto kürzer dauert sie auch.

In unserem heutigen Artikel möchten wir Ihnen eine von vielen häufigen Fehlstellungen vorstellen: Den offenen Biss.

Der offene Biss – was ist das?

Ein offener Biss bedeutet, dass die Schneidezahnkanten von Ober- und Unterkiefer nicht aufeinandertreffen, wenn das Kind zubeißt. Es ist eine Öffnung zwischen den Zahnreihen erkennbar, die nicht nur im Frontalzahnbereich, sondern auch an den Seiten oder auch nur einseitig auftreten kann.

Durch den offenen Biss kann das Kind sowohl Probleme beim Abbeißen, als auch beim Sprechen haben, denn der Kaumechanismus und die Kieferfunktion wird durch diese Öffnung gestört. Der offene Biss kann zudem auch Probleme beim Schlucken verursachen und umgekehrt auch durch eine Schluckfehlfunktion ausgelöst sein.

Ursachen – wie kommt es zum offenen Biss?

Häufige Ursachen für den offenen Biss sind zu langes Daumenlutschen oder Schnullern, Mundatmung oder eine muskuläre Dysbalance, das heißt eine Zungen-, Lippen- oder Wangenfehlfunktion.

Wenn Ihr Kind sehr lange am Däumchen lutscht oder einen Schnuller trägt, hemmt dies das Oberkieferwachstum. Denn durch den Druck des Fingers oder Schnullers, werden die Schneidezähne am Durchbruch gehindert.

Zudem kommt es oftmals dazu, dass sich die Zunge nicht so bewegt, wie sie es sollte. Normalerweise sollte sich die Zunge in der Ruhephase (also wenn das Kind nicht gerade spricht oder isst) am Gaumen befinden. Bei einem offenen Biss ist es häufig so, dass die Zunge sich in der Lücke zwischen den Zahnreihen befindet, oder sie gegen die unteren Schneidezähne drückt. Das empfindet das Kind nicht als störend, weil es nicht anders kennt. Man kann es aber manchmal daran erkennen, dass das Kind lispelt.

Durch die Fehlfunktion der Zunge fehlt dem Oberkiefer ein wichtiger Wachstumsimpuls. Das Kind behält das sogenannte „Säuglingsschlucken“ bei, bei dem die Zunge während des Schluckens gegen die unteren Schneidezähne drückt. Auch dieses falsche Schlucken verschlimmert die Fehlstellung und erschwert das Schlucken Ihres Kindes.

Der offene Biss kann in sehr seltenen Fällen auch angeboren sein, dann ist er deutlich schwieriger zu behandeln, als bei einer Folgeerscheinung durch Daumen lutschen oder Schnullern oder Zungenfehlfunktion/ Mundatmung.


Typisches Zeichen einer muskulären Fehlfunktion: das Kinn wird schrumpelig beim Versuch den Mund zu schließen und die Unterlippe ist wulstig. Das ist nicht gesund und sieht nicht gut aus.
 

Symptome – was sind die Folgen des offenen Bisses?

Wie bereits eingangs angedeutet, führt der offene Biss – sofern er nicht behandelt wird – vor allem zu Aussprache- und Kau- sowie Schluckbeschwerden. Liegt ein offener Biss im Frontalbereich vor, kann es sein, dass Ihr Kind lispelt (Sigmatismus). Denn dadurch, dass die Zunge sich in der Lücke der Zahnreihen befindet, fällt es beim Sprechen schwer, die S-Laute richtig auszusprechen.

Die Öffnung zwischen den Zähnen erschwert zudem das Kauen, denn dadurch, dass die Zähne an der Seite oder im Frontalbereich nicht aufeinandertreffen, wenn sich der Mund schließt, kann nicht richtig abgebissen oder gekaut werden.

Das Herunterschlucken wird durch das oben beschriebene Säuglingsschluckmuster ebenfalls stark beeinträchtigt, denn durch die Fehlplatzierung der Zunge, fällt das Schlucken Ihrem Kind deutlich schwerer.

Auch die Stellung der Zähne leidet unter dem offenen Biss. Durch die Zungentieflage und das damit verbundene fehlende Drücken der Zunge gegen die seitliche obere Zahnreihe bleibt der Oberkiefer klein, was im Unterkiefer bedeutet, dass die Frontzähne keinen ausreichenden Platz haben und schief werden. Es kann sogar ein seitlicher oder frontaler Kreuzbiss entstehen. Anders herum wächst der Unterkiefer aufgrund des bei Zungentieflage unten verstärkten Zungendrucks übermäßig stark.

Ein weiteres Symptom ist der verhinderte Lippenschluss. Durch die Öffnung zwischen den Zahnreihen, kann der Mund sich nicht komplett schließen. In diesem Fall wird die ohnehin bei den meisten Patienten mit offenem Biss vorliegende Mundatmung weiter begünstigt, denn das Kind atmet einfacher durch den leicht geöffneten Mund als durch die zu enge Nase. Der Nasenboden ist ja gleichzeitig das Gaumendach. Wenn der Oberkiefer im Wachstum zurückbleibt, bleibt also auch der Nasenboden eng und die Nasenatmung ist erschwert. Die Mundatmung wiederum begünstigt Karies, da die Mundschleimhäute schnell austrocknen und so eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte oder Karies besteht.

Behandlungsmöglichkeiten – wie wird der offene Biss therapiert?

Die Dyskinesie – die Fehlfunktion des Zungenmuskels – kann durch kieferorthopädisch-oromyologische Behandlungsansätze behandelt werden. Einige kieferorthopädische Praxen in Deutschland bieten so etwas an.

Zu der kieferorthopädisch-oromyologischen Behandlung gehören neben kieferorthopädschen Hifsmitteln Übungen, die die orofaziale Muskulatur, sprich die Gesichts- und Mundmuskulatur), Atmung und Haltung betreffen. Hier werden Kau-, Zungen-, Wangen- oder Lippenmuskulatur trainiert und Atmung und Haltung korrigiert, um damit eine nachhaltige Korrektur von Fehlstellungen zu begünstigen. Wir als zertifizierte myobrace-Praxis bieten Ihrem Kind genau eine solche Behandlung.

Es kann zudem erforderlich sein, zusätzlich einen Logopäden aufzusuchen, sofern ein Sprachfehler bei Ihrem Kind vorhanden ist. Logopädie und kieferorthopädisch-oromyologische Therapie, manchmal auch ergänzt um Osteopathie oder Entwicklungstherapie, fügen sich ganz hervorragend zu einem großen Ganzen zusammen. Eine nachhaltigere Therapie für Fehlfunktionen im Kiefer-Gesichtsbereich gibt es nicht.

Weitere Behandlungsmethoden hängen natürlich immer von der genauen Fehlstellung, dem Alter und dem Schweregrad ab. Generell kann der offene Biss immer mit verschiedenen kieferorthopädischen Apparaturen therapiert werden. Grundsätzlich gilt: ohne akribische Mitarbeit Ihres Kindes bei den Funktionsübungen bleibt das Ergebnis nicht stabil. Nachhaltigkeit wird also nur erreicht, wenn die Motivation Ihres Kindes zur Mitarbeit groß genug ist.

Im Erwachsenenalter oder bei Erstvorstellung im späteren jugendlichen Alter um einen offenen Biss zu korrigieren, ist häufig ein kieferchirurgischer Eingriff in Form einer Operation der sinnvollste Weg. Doch soweit muss es nicht kommen, wenn das Kind frühzeitig beim Kieferorthopäden vorgestellt und behandelt wird.

Wenn Sie Fehlstellungen oder Einschränkungen bei Ihrem Kind bemerken oder sich nicht sicher sind, zögern Sie nicht und vereinbaren einen Termin bei uns. Es ist immer besser, ein Mal mehr zum Kieferorthopäden zu gehen, als ein Mal zu wenig. Und wie gesagt: eine Überweisung brauchen Sie hierfür nicht. Die kieferorthopädische Untersuchung bezahlt immer Ihre Krankenkasse, auch wenn Sie sich von sich aus bei uns anmelden. Danach haben Sie Gewissheit, ob eine Behandlung sinnvoll ist oder nicht.

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